Johnny Depp und die Sehnsucht nach dem Western – Review: Lone Ranger

“Lone Ranger” ist einer der heutzutage selten gewordenen Ausflüge in den wilden Kino-Westen. Die Hochzeit des Genres ist längst graue Filmgeschichte und auch die rebellischen Italo-Western sind schon lange Klassiker. Aus der guten alten Zeit stammen auch die Vorlagen des aktuellen Films: eine Serie aus den 50ern und ihre Filmadaptionen. Regisseur Gore Verbinski erzählt nun in seiner Version wie das Greenhorn John Reid zum Titelhelden wird. Als sein Bruder vom diabolischen Banditen Butch ermordet wird und er selbst nur knapp dem Tod entrinnt, wird er zum maskierten Reiter für Gerechtigkeit. Unterstützt und gerettet wird er dabei immer wieder vom seltsamen Indianer-Einzelgänger Tonto. Sidekick Tonto ist im Jahr 2013 kein einfacher Diener mehr, sondern die zweite Hauptfigur, prominent verkörpert von Johnny Depp. Der legt seinen Tonto ähnlich skuril an wie Captain Jack Sparrow in “Fluch der Karibik”, auch wenn er bei seiner Gratwanderung zwischen Witzfigur und Indianer-Stereotyp wenig Spielraum hat. Überhaupt wurde die actionreiche Verfolgungsjagd der Bösewichte als Western-Variante der erfolgreichen Piraten-Reihe propagiert. Verbinski und Produzent Jerry Bruckheimer – bekannt für ihre maßlosen Blockbuster – sind mit dieser Übertragung an der Kinokasse aber katastrophal gescheitert. Der Film spielte in Amerika nur einen Bruchteil seiner Kosten von einer Viertel Milliarde Dollar ein und beschert dem Disney-Konzern damit ein gewaltiges finanzielles Sommerloch.

Die zu hohen Erwartungen, die mit den berühmten Namen und dem Budget verbunden waren, kann der Film nur teilweise einlösen, auch wenn er ein überdurchschnittlich guter Action-Film ist (siehe der bombastische Showdown auf dem fahrenden Zug). “Lone Ranger” ist weder ein ernst-gemeinter moderner Western noch ein übersteigerter Genre-Remix, wie Quentin Tarantinos “Django Unchained”. Das Rezept, das bei der Wiedererweckung des Seeräuber-Genres so gut funktionierte – eine Mischung aus Action und Humor – lässt sich auch mit viel Geld nicht so ohne weiteres auf den Western übertragen. Trotz vieler Genre-Zitate – etwa die berühmte Bahnhofsszene aus “Spiel mir das Lied vom Tod” und John Wayne-Allüren – wirkt der Wilde Westen hier seltsam künstlich, wie eine Disney-Attraktion (etwa die Fahrt durch die Silbermine). “Lone Ranger” schaut aus wie ein Western, aber er fühlt sich nicht an wie ein Western.

Allerdings beginnt der Film mit einer intelligenten Rahmenhandlung, die auch später immer wieder die Erzählung unterbricht: Darin trifft ein kleiner Junge in einem Vergnügungspark den alten Indianer Tonto. Der erzählt ihm die Geschichte als seine Erinnerung. So gesehen nimmt der Film sein Genre nicht ernst und bricht die Illusion bewusst. Der Western war schon immer ein Phantasma des Kinos. Hier dient die mythische Prärie als Kulisse für einen soliden Action-Blockbuster. Die Sehnsucht nach dem Weste(r)n bleibt.

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom Sa 17.8.2013]

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