Klein aber Wild – Review BEASTS OF THE SOUTHERN WILD

Wenn ein Erstlings-Independent-Film gleich viermal, in den besten Kategorien, für den Oscar nominiert ist, muss dieser Film eine ganz besondere Mischung sein. “Beasts of the Southern Wild” tauchte nach seiner Premiere in Sundance zurecht in den meisten Bestenlisten des vergangenen Jahres auf und gewann auch die Goldene Kamera für den besten Debut-Film in Cannes. Nun kommt der Film auch hierzulande ins Kino. Die moderne Südstaaten-Geschichte rund um das kleine Mädchen Hushpuppy spielt in einem Küstengebiet in Louisiana und der Sturm im Film erinnert an Hurrikan Katrina. Hushpuppy lebt dort zusammen mit ihrem temperamentvollen Vater Wink in einer losen Gemeinschaft inmitten der Überflutungsgebiete. Die Armut ist zugleich eine Naturverbundenheit, die im modernen Amerika seltsam wirkt. Sie wird im Film nicht versteckt; die Bewohner sind stolz auf ihre Unabhängigkeit. Auch deshalb ist “Beasts of the Southern Wild” ein sehr amerikanischer Film. Als die Truppe von den Behörden zwangsevakuiert und in einem sterilen Notquartier untergebracht wird, verweigern sie die Hilfe und nehmen bei der ersten Gelegenheit  reißaus. Der gesamte Film wird durch die Augen des Mädchens erzählt und so gibt es auch ein kleines Fantasy-Element: Inspiriert von ihrer Lehrerin, die den Kindern von den Auswirkungen des Klimawandels erzählt hat, stellt sich Hushpuppy die titelgebenden Tiere als urzeitliche Wesen aus dem ewigen Eis vor (die man wunderbar psychoanalytisch deuten könnte). Hushpuppy wird von der damals 6-jährigen und mittlerweile Oscar-nominierten Quvenzhané Wallis unglaublich kraftvolll dargestellt. Von der Vater-Tochter-Beziehung angefangen bis zu dem ungewöhnlichen Setting überzeugt “Beasts of the Southern Wild” durch eine wilde, energie-geladene Erzählweise. Eine der schönsten Szenen ist die, in der Hushpuppy in eine Bar kommt und dort im Licht der Scheinwerfer mit einer Frau tanzt, die vielleicht ihre Mutter ist, nach der sie sucht. “Beasts of the Southern Wild” ist ein ungemein bunter, opulenter Film, der das Kino als Erlebnis feiert und so weit entfernt ist von einem langsamen, kargen Naturalismus wie es nur geht (davon kann man sich schon im Trailer überzeugen). Vorallem die visuelle Gestaltung – in Verbindung mit einem dominanten Soundtrack – verleiht dem Film einen Zauber, dem man sich nur schwer entziehen kann. Im 16mm-Format und fast durchgehend mit Handkamera gedreht, entwickelt der Film eine ganz eigene Dynamik. Der Film hebt sich aber in seiner unkonventionellen Dramaturgie auch von den großen Hollywood-Blockbustern ab. Ohne Zweifel ein singuläres Kino-Ereignis. Und auch wenn “Beasts” bei der Oscarverleihung am kommenden Sonntag leer ausgehen sollte: das Publikum hat der Film jedenfalls schon gewonnen.

[gekürzt erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 21.2.2013]

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