Existentielles Kino – Review AMOUR

Hanekes Meisterwerk über Liebe & Tod

Von Thomas Bernhard stammt der Ausspruch, innere Vorgänge, das was niemand sieht, seien das einzig Interessante an der Literatur überhaupt. Auch Michael Haneke hat sich in seinem bisherigen Werk damit beschäftigt. Aber er weiß, dass die Darstellung innerer Vorgänge im Film eine etwas diffizilere Angelegenheit ist. Der Zuschauer blickt von außen auf die Charaktere, sieht ihre Handlungen, ihr Verhalten. Haneke stellt die Innenwelt dieser Außenwelt stets als Frage in den filmischen Raum und er gibt nie eine Antwort auf diese Frage. Das ist das beunruhigende an seinen Filmen.

Auch der Tod spielt bei Haneke immer eine tragende Rolle: bereits in seinen frühen, noch in Österreich realisierten Filmen wird dies deutlich, wie in dem brutalen Film „Der siebte Kontinent“ in dem er ohne jegliche Erklärung eine normale Familie zeigt, die langsam Selbstmord begeht. In den schwer zu ertragenden Schockern „Bennys Video“ und „Funny Games“ treibt er es schließlich auf die Spitze. Haneke will verstören, nicht erklären und besänftigen. Zuletzt in seinem Oscar-nominierten Historien-Epos „Das weiße Band“ in dem er ein beunruhigendes Panorama einer dörflichen Gesellschaft und ihrer strukturellen Gewalt zeichnet. Hier wird schon deutlich, dass der Autorenfilmer tiefer eindringt in die Abgründe der menschlichen Existenz.

Mit „Amour / Liebe“ – für das Haneke in Cannes seine zweite Goldene Palme erhielt – legt er nun seinen intimsten und vielleicht universellsten Film vor. Wiederum geht es um den Tod, doch diesmal im Grunde ohne außergewöhnliche Umstände, eigentlich ohne schockierende Gewalt. Inspiriert vom Suizid seiner eigenen 93-jährigen Tante erzählt er die Geschichte eines Paares am Ende ihres Lebens: George und Anne – grandios gespielt von den über 80-jährigen Schauspielgrößen Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant – leben alleine in ihrer Pariser Wohnung, wo der Film fast zur Gänze spielt. Als Anne einen Schlaganfall erleidet wird die Bedeutung der titelgebenden lebenslangen Liebe neu definiert und George muss eine Entscheidung treffen.

Die existentielle Frage des Todes im Kontrast zur unaufgeregten tiefen Liebe dieser beiden Figuren macht Hanekes „Amour“ so intensiv. Langsam und ohne jegliche Sentimentalität, ohne künstliche Schönheit verfilmt er eine mögliche bittere Realität des Liebes-Ideals „bis dass der Tod uns scheidet“. Visuell ist der Film sehr reduziert, streng durchkomponiert und ganz fokussiert ganz auf seine zwei Charaktere in ihrem Alltag. Haneke mutet seinem Publikum wie immer einiges zu. Spannung und Unterhaltung sind dafür die falschen Kategorien. Hanekes Filme sind anders: existentielles Kino.

„Amour“ ist offizieller Kandidat auf eine Nominierung für den Auslands-Oscar, und zwar trotz großteils französischer Produktion und Sprache für Österreich.

[gekürzt erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 28.9.2012]

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