Berlinale 1: „The Grandmaster“ – Wong Kar-Wai

Der Großmeister eröffnet die Berlinale

Bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der 63. Berlinale wurde er abwechselnd als Kar Wai und Mister Wong angesprochen. So unsicher sich manche Europäer auch über seinen Namen sind, der Filmemacher mit der dunklen Sonnenbrille ist mittlerweile auch im Westen ein Starregisseur (siehe Porträt). Und dann reichen eben, wie bei Godard, auch schon mal die Initialen: WKW war schon 2006 in Cannes zum Oberhaupt der Jury bestellt worden und darf nun auch beim Berliner Winterfilmfest die Preisvergabe leiten. Mit seiner Jury will er vorallem „darüber sprechen, was wir an den Filmen mögen, nicht was wir schlecht finden“ und an die Preise denkt er zunächst einmal gar nicht: „Wir sind nicht dazu da Filme zu bewerten, sondern ihnen unsere Wertschätzung entgegen zu bringen.“ Spätestens am 17. Februar wird er sich mit seinen sechs Jurykollegen aber entscheiden müssen, wer die Bären mit nach Hause nehmen darf.

Sein eigener Film wurde, natürlich außer Konkurrenz, als Eröffnungsfilm des Festivals gezeigt. Die beiden Hauptdarsteller Tony Leung und Zhang Ziyi und Kameramann Philippe Le Sourd waren mit ihm nach Berlin gekommen um „The Grandmaster“ zu präsentieren. Es geht darin um den bedeutenden Kongfu-Meister Ip Man, der unter anderem Lehrer von Bruce Lee war. „Das Leben von Ip Man ist die Geschichte Chinas“, meint Wong Kar-Wai. Diese bildet aber lediglich den Hintergrund für eine opulente 2-stündige Martial-Arts-Show. Statt leichfüßiger Eleganz gibt es über weite Strecken überbetonte Coolness, die eher an Matrix erinnert als an die Poesie eines Wong Kar-Wai. Die etwas ausufernde Story rund um einen alten Meister, seine Tochter, seinen Nachfolger und einen bösen Gegenspieler wird dabei zwischen den Kämpfen in bedeutungsschwangeren Dialogen und Inserts mitgeliefert. Die Unterschiede der verschiedenen Kongfu-Stile des Nordens und des Südens bleiben einem Laien unzugänglich, die Kämpfe sind aber eindrucksvoll koreografiert: im Schnee, im Regen oder am Bahnhof, in schnellen, nahen Einstellungen und Slow-Motion. Man merkt, dass hier nicht Christopher Doyle die Kamera führte. Dennoch ist „The Grandmaster“ ein episches Lehrstück über Kampf-Kunst. „Martial Arts sind kein Sport, sie sind eine Waffe“, meint WKW. Ein Großmeister sei aber nicht nur ein guter Kämpfer. Es gehe ihm um den universellen Ethos, der Kongfu zu Grunde liegt: Disziplin und Bescheidenheit.

Porträt
Wong Kar-Wai: der Mann hinter der Sonnenbrille

Die Filmografie des 1956 geborenen HongKong-Chinesen ist ebenso überschaubar wie hochkarätig: 1988 realisierte er mit dem brutalen Gangsterdrama „As Tears Go By“ seinen ersten Spielfilm. Davor hatte er als Assistent und Drehbuchautor Erfahrung gesammelt. Bereits mit dem melancholisch-anarchischen „Days of Being Wild“ (1990) wurde er im Ausland ein Begriff und mit der energiegeladenen HongKong-Hommage „Chungking Express“ (1994) gelang ihm endgültig der internationale Durchbruch. Den Film drehte er im Guerillia-Stil mitten in der ermüdenden Schnittphase seines bildgewaltigen Wüsten-Schwertkampfepos „Ashes of Time“ (1994). 1995 drehte Wong Kar-Wai den harten dunklen Actioner „Falling Angels“. Mit „Happy Together“ (1997) folgte ein einfühlsam-wildes tragisches Liebesdrama über zwei Chinesen in Buenos Aires. Seinem wohl bekanntesten Film „In The Mood For Love“ (2000) folgte mit „2046“ vier Jahre später eine Fortsetzung. Vor seinem Berlinale-Beitrag „The Grandmaster“ (2012) machte er noch eine zuckersüß-bunte Entdeckungsreise durch die USA, wo er mit Norah Jones das romantische Road Movie „My Blueberry Nights“ (2007) realisierte.

Der herausragende australisch-chinesiche Kameramann Christopher Doyle war bei acht seiner Filme für die ganz eigene bunt-poetische Bildästhetik verantwortlich. Sieben mal mit dabei war sein Lieblingsschauspieler Tony Leung, der auch die Titelrolle in Wong Kar-Wais neuestem Film übernahm.
Quentin Tarantino ist übrigens ein großer Wong Kar-Wai Fan und brachte seine Filme im Westen auf DVD heraus.

[ursprünglich erschienen in „Die Dolomiten“ Sa./So 9./10.2.2013]

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