Ein Jahrzehnt und ein paar Monate – Double Review ‚Lincoln‘ & ‚Zero Dark Thirty‘

Der Flugzeugträger auf dem US-Präsident George Bush 2003 vorschnell die Worte “Mission Accomplished” verkündete, hieß “USS Abraham Lincoln”. Eine Ironie der Geschichte, der auch das gegenwärtige US-Kino Parallelen abgewinnen kann. Die Behauptung aus Hollywood komme kein politisches Kino war noch nie so falsch: In Steven Spielbergs “Lincoln” und Kathryn Bigelows “Zero Dark Thirty” setzt sich Amerika auf sehr gegensätzliche Weise mit sich selbst auseinander – vom Bürgerkrieg zum Krieg gegen den Terror. “Lincoln” spielt (wie auch Tarantinos Sklaven-Actioner “Django Unchained”) in der für die Amerikaner so wichtigen Gründerzeit. Großmeister Spielberg liefert aber mit seiner Hommage an den legendären Bürgerkriegspäsidenten auch eine vieldiskutierte Folie auf die erste Amtszeit Obamas. Beide Filme machen es sich und dem Zuschauer nicht leicht und sind alles andere als ein einfaches statement. Zusammen mit dem Bühnenautor Tony Kushner hat Spielberg eine neue 900-seitige Biografie über Lincoln zu einer erstaunlich ruhigen Nahaufnahme der letzten Lebensmonate Lincolns verarbeitet. Daniel Day-Lewis verkörpert Obamas Lieblings-Vorgänger nicht nur äußerlich genial und hat nach dem Golden Globe mehr als gute Chancen auf seinen dritten Oscar. Es ist ein zugleich menschliches wie mythisches Bild das hier in episch-ausgeleuchteten Innenaufnahmen gezeigt wird. Die Handlung dreht sich fast ausschließlich um den Verfassungszusatz zur Abschaffung der Sklaverei für den Lincoln sogar Abgeordnete bestechen lässt und das Ende des Krieges hinauszögert. Diesen zähen demokratischen Kampf um eine Mehrheit kann man durchaus als Analogie zu Obamas Gesundheitsreform lesen.
In “Zero Dark Thirty” geht es dagegen weniger um die hohe Politik als um die 10-jährige Jagd nach Osama Bin Laden. Als moralische Provokation beginnt Bigelow ihren Film mit Stimmen von 9/11-Opfern, nur um dann mit einem einzigen harten Schnitt in ein brutales Waterboarding-Verhör zu springen. Der neue Präsident Obama erscheint nur einmal in der Mitte des Films am Fernsehschirm um zu verkünden, dass Amerika jetzt nicht mehr foltern werde. Die ebenso verletzliche wie harte CIA-Agentin Maya hat zu diesem Zeitpunkt schon dutzende solcher Verhöre mitgemacht um ‘ihrem heiligen Gral’ näher zu kommen. Mittlerweile ist das Ende dieses Kreuzszuges bekannt (der Film war allerdings schon davor geplant worden): fast in Echtzeit wird die Kommando-Aktion der Navy Seals zur Liquidierung Osama Bin Ladens eindrucksvoll inszeniert – eine zweifelhafte Erlösung, dessen Zeitpunkt titelgebend ist: “eine halbe Stunde nach Mitternacht”.
Wo Spielberg trotz allem die glorreiche Geschichte staatstragend bebildert, liefert Bigelow die unrühmliche, dreckige Realität des 21. Jahrhunderts. Beide Oscarpreisträger bauen mit ihren komplexen Hauptfiguren gekonnt eine spannende Dramaturgie auf – ein Loblied und ein Abgesang auf die amerikanische Demokratie.

[erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 7.2.2013]

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