Kein weiter Weste(r)n – Review ‚Django Unchained‘

Finally, I’m able to post my weekly film reviews on this blog – with a delay. They are all in German and originally written for the print edition of the „Dolomiten“ newspaper. I will continue to post them online here, sometimes with a few additions or in a longer version, and maybe add an old one from time to time.  Obviously you can find all under the „Film Review“ category. I’m happy about comments and criticism. Here’s the first: a good film to start with, I think.

“Das D ist stumm” erklärt der Titelheld von Tarantinos “Django Unchained” seinem filmischen Paten Franco Nero an der Bar. Dieser spielte 1966 in Sergio Corbuccis Spaghetti-Western den wortkargen Killer und hat hier einen Cameo-Auftritt. Der Django des 21. Jahrhunderts ist allerdings ein farbiger Sklave, auf Rachefeldzug gegen die weißen Unterdrücker. So gesehen ist nicht nur der (Euro-)Western ein Bezugspunkt für den Meister des filmischen Recyclings sondern auch die Blaxploitation-Streifen aus der selben Ära (“Shaft”). Der dominante Soundtrack reicht folglich von Ennio Morricones Dango über Johnny Cash bis zu modernem Rap.
Wer von Tarantino einen simplen Genre-Remix erwartet, liegt jedoch falsch. Die Western-Parallelen hören kurz unter der Oberfläche auf. Statt wortkargen Männern ohne Namen präsentiert uns Tarantino gewohnt wortreiche und humorvolle Dialoge von schillernden Figuren, allen voran der deutschstämmige Dr. Schultz. Christoph Waltz verkörpert diese Rolle genauso herrlich übertrieben wie schon den SS-Offizier in “Inglorious Basterds”. Leonardo DiCaprio, der schon damals für die Rolle des Nazis im Gespräch war, mimt nun hier den Sadisten. Die vorhersehbare Handlung scheint nur dazu da zu sein, all diesen originellen Figuren ihre coolen Auftritte zu verschaffen. Nachdem der Doktor, der sich statt als Zahnarzt als Kopfgeldjäger verdingt, den Sklaven befreit hat, gehen sie gemeinsam auf die Jagd. Zuerst nach den Gesichtern auf den “Dead or Alive” Postern (wobei ersteres die einfachere Lösung ist), dann nach Djangos Frau, die an den rassistischen Plantagenbesitzer Calvin Candie (DiCaprio) verkauft wurde. Ihr Name ist Broomhilda, was Tarantino und Waltz zu einer etwas kuriosen Parallele zur Nibelungensage verleitet. In “Candieland”, wo Samuel L Jackson als gerissener Haussklave Stephen seinen genialen Auftritt bekommt, spielt dann auch der doppelte Showdown von Tarantinos Actionsplatterwestern.

Die vieldiskutierte Brutalität des Films beschränkt sich – abgesehen von einem nach Testvorführungen entschärften Sklavenkampf – im Wesentlichen auf Schusswechsel. Sie erinnern mit ihrem Blutströmen eher an einen Horrorfilm und sind keine spannungsgeladen inszenierten Duelle. Insgesamt fallen die Referenzen an das Genre also nicht so stark aus wie vielleicht erwartet. Auch die Landschaft als Bühne der klassischen Genrehelden spielt in diesem Tarantino-Western keine große Rolle, die Supertotalen des weiten Westens sind praktisch nicht vorhanden. Tarantino sprengt wie immer den Rahmen, des Genres und der Political Correctness sowieso. Er will von einer anderen Welt erzählen. Kein unbekanntes Traumland hinter der amerikanischen Westgrenze, keine guten oder bösen Indianer, kein amerikanischer Siedler-Mythos.
Stattdessen ein “Southern”, also ein Südstaaten-Abenteuer mit der brutalen Realität der Sklavenhaltung. Die Reaktionen auf den Film – etwa von Spike Lee oder von der Bürgerrechtslegende  Louis Farrakhan („preparation for race war“) – zeigen, dass die Rassenunterschiede in den USA auch unter dem ersten afroamerikanischen Präsidenten immer noch ein heikles Thema sind. Tarantino hat sich also nach dem Holocaust abermals mitten in die Politik hineinbegeben. Diesmal benutzt er das Unterhaltungskino um den Amerikanern eine blutige Epoche ihrer Vergangenheit zu zeigen, die sie nur allzu gerne glorifizieren, nicht zuletzt im Film. Wie schon in “Inglorious Basterds” wird auch hier die Geschichte in Großbuchstaben neu geschrieben (wenn schon nicht aufgearbeitet). Film als unterhaltsam-opulente Rache an der Vergangenheit: ein bekanntes, aber nicht langweiliges Rezept à la Tarantino.

[gekürzt erschienen in Die Dolomiten, Print-Ausgabe vom 24.1.2013]

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