Wueste – Mythos & LebensRaum

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Berichte ueber fremde Raeume seien stets eine „Lektion ueber das Denken im eigenen Raum.“  (1)

Dieses Motto jedes Reisetextes gilt umso mehr, wenn der Raum ein so (scheinbar) „leerer“ ist wie die Wueste. Waehrend wir durch die „Sahara as-Sauda“ fahren, rufe ich mir die romantischen Erzaehlungen und Bilder von „der Wueste“ in Erinnerung. Auch wenn die Schwarze Wueste hier westlich des Nils auf aegyptischen B0den nicht die klassische Sahara (was eigentlich nur das arabische Wort fuer Wueste, fuer jede auf der ganzen Welt, ist), so verbindet sich der maechtige Mythos Wueste doch sofort mit dieser vulkanischen Landschaft links und rechts der Strasse, auf der wir mit unseren fuenf Jeeps unterwegs nach Sueden sind und die, wenn man ihr lange genug folgt bis in den Sudan, der ehemaligen Provinz Aegyptens fuehrt.

Eine schwarze Schicht, bedeckt, wie „Asche-Schnee“ die bekannten ockerfarbenen Duenen und Berge. In einem Wuestenroman wuerde es jetzt heissen: „Und mit jedem Schritt des Kamels liess er ein Stueck Zivilisation zurueck und fuegte sich ein in die Zeitlosigkeit der unendlichen Sahara.“ Doch wir waren eine moderne Karawane mit Jeeps, und auch wenn deren Fahrer Beduinen waren, war dies doch mehr ein Erlebnisurlaub denn ein wirkliches Abenteuer wie in den Buechern und Filmen.

Die Luft ist vom Horizont bis zum Zenit grau, schwer vom Staub, den der Khamsin aus dem Osten bringt, der dem Blick eine Grenze setzt und doch die Weite nach allen Seiten suggeriert. Der postmoderne Tourist flieht vor der „Beschleunigungs-Gesellschaft“ und den kontingenten Patchwork-Identitaeten, die sie bietet, in die Abgeschiedenheit. Im scheinbar nicht nur menschenleeren, sondern ganz und gar auch leblosen Raum loest sich seine ueberregulierte Kultur- & Zeit-Struktur auf. Auch wir, die wir fuer einen Tag und eine Nacht, diese Flucht antreten, suchen wie die Mehrheit der Wuesten-Touristen das Naturerlebnis (und nicht primaer den Kulturkontakt).

Bald wuerden wir im“garden under the moon camp“ ankommen, teilte uns Mahmoud, unserer Fahrer, mit. Es lag inmitten des neugegruendeten Nationalpark der Weissen Wueste, der as-sahara al beida. Wir beobachteten den Uebergang von Schwarz zu Weiss; noch war das Erlebnis rein visuell, wenn man von der Hitze des Nachmittags im Auto absah. Doch ein Wuestentrip wie dieser war einer der wenigen Reiseeindruecke, die sich nicht nur auf die „Augenlust“ stuetzten; es war ein synethetisches Erlebnis und wirkte damit auch direkt emotional an den visuellen Distanzierungen des touristischen (fotografischen) Blicks vorbei. Das sollten wir in dieser Nacht auch deutlich spueren: Die, die noch nicht geglaubt hatten, wie gross der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht hier in der Wueste werden kann, merkten es bald. Davor wurde jedoch noch der kulinarische Sinn befriedigt und ein Abendessen unter dem „bestirnten Wuestenhimmel ueber uns“ bereitet.

Mahmoud, der Fahrer unseres Jeeps, hat ein Jura-Studium in Kairo abgeschlossen, nur auf Wunsch des Vaters, wie er betont. Danach sei er wieder in die Wueste zurueckgekehrt; nicht, weil er hier mehr verdient und einen Arbeitsplatz hat (die inoffizielle Akademiker-Arbeitslosenquote liegt bei 80%.) Er fuehrt auch laengere Touren durch die Lybische Wueste (die Westliche Wueste, wie sie hier heisst), Wochentouren mit Jeep oder Kamelen bis ganz in den Sueden bis zum Sudan (dort allerdings mit Militaerbegleitung).

Der Sonnenaufgang ist um 6:30    –  eine Stunde spaeter ist es schon wieder deutlich waermer, und zwei Stunden spaeter so heiss, wie man es als unbedarfter Tourist von der Wueste erwartet, doch da sind wir schon lange wieder auf dem Weg zurueck zur Oase al- Bahariya und weiter nach Kairo.

(1) Woehler 1998 nach Friedl 2006.

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